Täter oder Opfer? Entzückt. Verwest. Blind Marie. Photoshop DarkArt!

Hello Ladies & Gentlenerds! Vor einigen Monaten besuchte ich einen Tagesworkshop, bei dem es um viel nackte Haut als auch heiße Kurven ging und ich darf betonen: Die Linienführungen war nicht zu verachten! Eigentlich trug der Workshop den Titel „Hot cars and sexy girls“, aber bei dem lodernden Feuergefecht zwischen Pferdestärken und langen Beinen enstand auch ein Foto, dass ich sehr lange Zeit links liegen ließ. Ich konnte einfach nichts damit anfangen.

Ich starrte so lange auf den Pixelhaufen bis ich fühlen konnte, wie ich mich selbst schon der Verwesung näherte und dann packte ich es an. Zwischen den besinnlichen Weihnachtsfeiertagen, meinem Fünf Kilo-„Schnitzelkoma“ und einer Wettersause, die es sonst wohl nur auf Jamaika gibt, griff ich zu meinem Wacom Grafik-Tablett und machte mich ans Werk: The rebirth of of Blind Marie.

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Je länger ich bei der späteren Bearbeitung in Photoshop meinen Blick auf meiner Marie ruhen ließ, desto mehr stellte ich mir die Frage: Ist sie eigentlich Opfer oder gar Täter? Und wie nah liegen diese beiden Dinge eigentlich beieinander? Könnte man ihre Augen erkennen, würde einem die Entscheidung sicher leichter fallen. Düstere Atmosphäre, fragwürdige Accessoires, detaillierte Strukturen, verspritztes Blut, zerknitterter Stoff, biologisch abbaubares Hautgewebe … Alles wesentliche Bestandteile die uns zur einfachen Frage führen: „what happened yet?“

Doch gehen wir nochmal zurück zum Setting: Die Kulisse war eine Produktionshalle zur Herstellung von gewaltigen Containern und wenn sie nicht gestorben sind, wird dort auch noch heute (drei Monate später) fleißig Stahl miteinander verschweißt. Neben diesen befremdlichen Schwerlasthaken, die an einem Kran per Schienensystem die 12 Meter hohe Decke schmücken, stehen natürlich auch diese feuersicheren Synthetikmatten überall rum, die beim Schweißen den furios tanzenden Funkenstaub in Zaum halten sollen. Rammstein lässt grüßen! Wirklich scary aber fotografisch ebenso reizvoll.

Vor einer solchen Matte steht also unsere Marie, alias KC. Sie muss sicher wahnsinnig gefroren haben, denn während ich in meiner Lederjacke, eingepackt mit Schal und kaffeegewärmt am Boden lag, fröstelte sie tapfer vor der Linse. Wie erwähnt wollte mir anfangs zu diesem Bild überhaupt nichts einfallen, deswegen drückte ich etwa zehn Mal den Auslöser meiner Nikon und beließ es dabei. Gerne spendiere ich einen Blick auf das Ausgangsmaterial um ein Gefühl für das Vorher und Nachher zu bekommen.

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Ja, zu diesem Zeitpunkt sieht sie noch recht gesund aus, nicht wahr? Ein Blick auf die EXIF-Daten verrät: 38mm Brennweite und eine Verschlußzeit von 1/125s, Blende f/9, ISO 100. Zusätzlich zwei quer aufgestellte Blitze für die Ausleuchtung der Szenerie. Photoshop und meine Leidenschaft zu DarkArt übernahmen hinterher den Rest. Begonnen mit der Camera Raw-Entwicklung um die Details besser herauszuarbeiten, ging es weiter mit überlagerten Strukturen, ungesunder Verwesung, tiefroten Blutspritzern und einer blickführender Hell-Dunkel-Verlagerung, die den Fokus lenken sollte. Ihr seht sehr viele Einstellungsebenen und wer genau hinschaut erkennt auch, dass ich mir beim strukturierten Arbeiten und dem Benennen von Ebenen keine Mühe gebe. Aber normalerweise bekommt mein Workspace von Photoshop ja auch niemand zu Gesicht.

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Was lange Zeit fehlte, war der richtige Farblook. Hier tüftelte ich ungewollt lange bis ich das Composing endlich mit einen passenden blurred background, über die Mischmethode „Weiches Licht“, zu dem machte, was es nun ist. Unten recht kühl und abstoßend blau gehalten. Oben rötlich und giftig gelb. Perfekt und passt wie Arsch auf Eimer! Leider gehen viele Details bei der mangelhaften Qualität zur Publikation im Web verloren. Der Spagat ist natürlich der Performance geschuldet und es bleibt der blanke Horror für einen jeden Fotodesigner wenn er erkennt, dass die Spitzfindigkeiten und feinen Strukturen (wie auf dem Kleid) auf 850px Seitenkante überhaupt nicht mehr sichtbar sind. Da können sich einem schon die Nackenhaare aufstellen :-( So eine Trottlerei, also wirklich!

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Aber das Beste war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorbei, denn mein (nicht-)strahlendes Highlight sind zweifelsfrei die vollkommen geschwärzten Augen! Wir Menschen neigen doch allzu gerne in den Fenstern zur Seele eines Menschens lesen zu wollen. Oft und typisch beginnt man beim prüfenden Blick in die Augen, der uns dabei hilft in wenigen Bruchteilen von Sekunden auf Tuchfühlung zu gehen. Deshalb hassen wir es ja auch so sehr uns mit Leuten zu unterhalten, die sich mega unverschämt mit voll verspiegelter Sonnenbrille zu uns an den Tisch setzen, während wir lecker feinen Latte Macchiato in der Stadt schlürfen. Aber hey, Grund für Spannung, sag ich da! Dieser automatische Drang sollte dem Betrachter auch hier verwehrt bleiben. Wäre ich ein traditioneller Bösewicht, würde mich jetzt entweder die Kamera von hinten dabei filmen, wie ich meine pechschwarze Katze streichel oder wie ich mir laustark beim „harr harr harr“ rufen den Bauch halte.

War es nun Liebe oder doch Hiebe in der kaputten heilen Welt unserer blinden Marie, die als Motivator gerade stehen musste? Welch schaurige Umstände haben sich zugetragen? Ob sie nun selbst Opfer eines Verbrechens wurde oder sie gar selbst als tatverdächtig gilt, obliegt schlußendlich der Fantasie eines jeden selbst. Für heute lassen wir sie einfach weiter frieren …

Unterirdische Grüße aus dem death valley. Euer Stefan.

Stefan Riedl

Stefan Riedl Grafik-Designer aus Augsburg

Designliebhaber

Stefan Riedl