Graphicspot: Von offenen Baustellen und dem täglichen Wahnsinn

graphicspot.de - eine Odyssee

Jedem Menschen, der fasziniert vom Web ist, stellt sich zu einem bestimmten Zeitpunkt die unbestimmte Frage, ob es nicht auch ausreichend Beweggründe für eine eigene Webseite gibt. So wie in meinem Fall. Der Weg ins Netz entpuppt sich als denkbar einfach, wenn man sich die Möglichkeiten genauer ansieht. Kürzlich habe ich für den Webentwickler wix.com ein Video-Training aufgenommen, wie man sich selbst – frei von HTML & CSS-Kenntnissen – im globalen Netz verkaufen kann. Die Lösung war ein intuitiver Homepage-Baukasten, der einfach via Drag & Drop und Copy & Paste zu bedienen ist. Ihr könnt euch das Video auf unserem YouTube-Kanal ansehen.

Ich persönlich wollte aber mehr Handlungsspielraum und Anpassungsmöglichkeiten, weswegen ich mich mit unserem Designer und Frontend-Entwickler zusammentat. Ich stellte Dennis mein Konzept vor, erklärte ihm die Eckpfeiler und wie ich mir die Seite vorstelle. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorging, aber Unmögliches verlangte ich eigentlich nicht. Ich sagte nicht, dass es voll trendy ist, beide Achsen des Monitors auszunutzen und dass die Website zur Abwechslung deshalb auf den klassischen vertical-scroll verzichten soll und stattdessen alles zum horizontal Scrollen aufgebaut werden muss. Ich sagte nicht, dass ich auf der Startseite – als fulminantes Intro – die Filmmusik von Dirty Dancing eingespielt haben will und dass auf Seite 2 ein Raumschiff aus dem Kosmos landen solle, aus dem ein grüner Alien mit kindlichen Augen und liebevoller Geste winkt und sich auf Seite 3-6 größenvariable Pop-Up-Fenster öffnen sollen, in der Formgebung des internationalen Peace-Zeichens. Das sagte ich alles nicht!

Wie bei jedem ernsthaften Feierabendprojekt begann auch bei uns alles mit einem humorvollen Auftakt und endete in einem unnachgiebigen Geplänkel über Grundsatzfragen und Glaubensbekenntnisse. Ständig bekam ich zu hören: „Kannst du schon so machen – sieht halt dann kacke aus.“ Irgendwie habe ich diese Phrase, die im Web kreuz und quer ihre Runden dreht, fast schon ein bisschen lieb gewonnen. Als wir uns dann mehr oder weniger geeinigt hatten, war der nächste Schritt, eine passende Domain zu finden. Ich grübelte und entschied mich eines Morgens für Graphicspot. Graph~ entspringt dem altgriechischen Wortstamm und wurde oftmals mit „Zeichen ritzen“ gedeutet. Graphic beschreibt heute im weitesten Sinne jedwede visuelle Darstellung. Wohingegen spot bezeichnet, etwas zu entdecken, herauszufinden oder zu sichten. Man denke nur an das berüchtigte Kommando ‚Spotlight on!‘, während der Lichtkegel das relevante Geschehen erhellt. Die Wortschöpfung beschreibt vereinfacht ausgedrückt, dass Grafik und Foto ins Visier genommen werden.

Danach ging alles recht zügig: Auftrag an den Hoster, Domain registriert und nun galt es, sich für ein Content-Management-System zu entscheiden – die erste Wahl: WordPress. Aufgespielt und ab ging’s, denn wie jeder Designer ist man natürlich bestrebt, seine Werke auch einem Publikum zu zeigen. Im Vordergrund steht jedoch noch ein weiterer wichtiger Aspekt: ‚Human Branding‘. Meine Website soll nicht nur mein Gesicht tragen. Ich will mich persönlich mit ihr und durch sie identifizieren.

Startseite Graphicspot

Nächster Schritt: Content liefern und Seiten befüllen! Aber was heißt befüllen? Ich wollte sie zum Leben erwecken und ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich nicht das Prozedere von A bis Z selbst vollzogen hätte. Das war der größte Kraftakt! Den Content zusammenzutragen, ihn fürs Web zu optimieren, auf der Page einzupflegen und immer wieder vom Backend zum Frontend zu wechseln, um zu prüfen, ob es dem eigenen Anspruch gerecht wird. Während Bildmaterial in groben Zügen schon zur Verfügung stand, saß ich bei den typographischen Baustellen in den meisten Fällen vor einem weißen Blatt Papier und der trostlosen Frage, was der Besucher an Stelle XY denn zu lesen bekommen soll und überhaupt: Wie verpacke ich das in charmante Worte mit Charakter? Und wen interessiert das überhaupt? Immer wieder folgte eine radikale Reduktion und die Frage: Ist das wirklich notwendig, oder kann man es auch weglassen?

Gewiss, meine Homepage ist nicht mit vielen Unterseiten ausgestattet und dennoch meldete WordPress am Ende über 2.000 Revisionen – und das betraf noch nicht einmal die Blogartikel, sondern nur die Hauptseiten der Page. Allen voran tat mir Dennis leid, da sich mein Bugreport mit jedem Griff, den ich vornahm, ständig verlängerte anstatt zu schrumpfen. Dennis ist jedoch ein fachkompetenter Kammerjäger, der sein Handwerk versteht und den Bugs schnell den Garaus machte. Sein Vorgehen schreckte zwar Bugs anderen Ursprungs nicht davon ab, uns weiterhin in die Quere zu kommen, aber manchmal ist die Wirkung eines Exempels nachgelagerter Natur. Dennis übernahm weiterhin diverse CSS-Anpassungen, überprüfte die responsive Darstellung und hackte kryptische Befehlszeilen in seinen Editor. Ich könnte schwören, er hat Romulanisch gelernt. Jedenfalls habe ich es ihm zu verdanken, dass meine Website mittlerweile online gehen konnte. Gewissermaßen möchte ich diesen Blogartikel also auch meinem Kollegen, Freund und nicht zuletzt einem erstklassigen Webentwickler und -designer widmen. Danke Dennis!

Graphicspot.de ist bei Weitem noch nicht am Ziel angekommen. Vermutlich wird es auch nie eine finale Version geben, aber irgendwann muss man den Mut haben, einen Release zu wagen. Getröstet hat mich die Einsicht, dass eine Website nie ‚wirklich fertig‘ ist oder sein kann. Aber wer zögert und Angst vor schlechter Kritik hat, sitzt eines Tages immer noch vor einer Schublade mit verstaubten Plänen für die Zukunft und großen Vorhaben, während die Zeit die Idee überlebt hat. Ein kleines Highlight ist natürlich der Preloader – das ist der schwarze Screen mit Logo und Name zwischen den Seitenwechseln. Mir hat er vom ersten Moment zugesagt, aber im Entwicklungsprozess ist es mehr als nur ein störendes Feature – man beginnt regelrecht eine Phobie zu entwickeln. Wie denkt ihr über Preloader? Würdet ihr sowas selbst auch verwenden? Top oder Flop? Und überhaupt, wie gefällt euch Graphicspot.de? Schreibt mir, was ihr denkt!

Stefan Riedl

Stefan Riedl Grafik-Designer aus Augsburg

Designliebhaber

Stefan Riedl