Optische Täuschung und Illusionen in der visuellen Gestaltung

Meine lieben Blogleser/innen, bevor wir im tiefen Kaninchenbau meines heutigen Themas versinken, möchte ich mit einer kleinen Anekdote beginnen, die sich – zugegebenermaßen – gar nicht so abwegig zum heutigen Gesprächsstoff verhält. Kürzlich war ich in einem Club und ließ mich von allen Seiten mit elektrisierenden House-Beats beschallen. Und wie das in diesen finsteren Musikhöhlen nun mal so ist, liegt der Glanz häufig im Nebel und der Reiz eben im nicht Sichtbaren. Jeder, der schon einmal eine Discothek besucht hat, weiß wie es dort zugeht und vor allem, wie trügerisch der Schein oftmals ist. Die kaputten Möbel, angekritzelten Wände und der versiffte Boden enthüllen erst bei voller Ausleuchtung das scheußliche Ausmaß. Ich habe euch natürlich Beispielmaterial mitgebracht. Es muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt in etwa so ausgesehen haben (Aus den Metadaten meiner Handyaufnahme konnte ich die Uhrzeit 01:14 auslesen):

Stefan in Disco

Jedenfalls unterlag ich in dieser Nacht auch einer amüsanten optischen Täuschung, denn während meine Tanzpartnerin im schummerigen Licht und dem wechselnden Farbenmeer allzeit eine gute Figur machte, ließ die Überraschung nicht lange auf sich warten. Kaum tritt man gemeinsam vor die Tür, wechselte der reizvolle Camouflage-Effekt zu einem nüchternen „Kann-das-wirklich-sein?“-Effekt. Da half ihr dann auch kein bezirzender Shakira-Hüftschwung mehr weiter ;-) Jedenfalls zeigt sich, dass optische Täuschungen allgegenwärtig sind und man als Grafik-Designer gerade im Bereich der zweidimensionalen Gestaltung gut daran tut, sich einige Illusionen bewusst zu machen. Doch auch im dreidimensionalen Bereich wird getrickst und mit der Wahrnehmung gespielt, wie ihr in meinem Beispiel bereits sehen konntet. Wem das zu subjektiv ist, dem lege ich das Beispiel der Penrose-Treppe ans Herz, das vermutlich die meisten von euch kennen.

Im Eingangsbild habe ich euch eine gestaltungsrelevante klassische Täuschung mitgebracht. Links im Bild hat man das Gefühl, die horizontale Strecke sei (deutlich) kürzer, als jene rechts im Bild. De facto sind aber beide Strecken gleich lang. Diesen Effekt beschreibt man als Müller-Lyer-Illusion, der 1889 vom deutschen Psychiater und Soziologen Franz Müller-Leyer entdeckt wurde. Faszinierend, nicht wahr? Doch es geht noch weiter.

Häufig verlassen wir uns auf unsere gesunde Erfahrung, die dennoch zu verzerrenden Eindrücken führen kann. Minimale Änderungen in Proportionen, Lage, Ausrichtung oder Anordnung können bereits dazu führen, dass wir unseren Augen sprichwörtlich nicht mehr trauen können. Wie wichtig das im Falle von Design und Gestaltung ist, dürften folgende Beispiele verdeutlichen. Man stelle sich nur vor, die Bedienelemente einer Schaltzentrale (Straßenverkehr), einer Kontrollanlage (Atomkraftwerk) oder lebensrettende Wegweiser zum nächstgelegenen Fluchtweg würden fehlinterpretiert werden… Solche Wahrnehmungsfehler oder Verwechslungen könnten fatale Folgen haben. Da derartige Täuschungen nicht auf Denkfehlern zurückzuführen sind, ist es als Designer von essenzieller Bedeutung zu wissen, was man tut. An ein paar simpel gehaltenen Grafiken, lässt sich erahnen, wie schnell man in die Falle tappt.

Werfen wir einen Blick (oder unter Umständen mehrere) auf unterschiedliche Effekt. Beginnend bei dem der Überstrahlung. Das weiße Rechteck links auf dem dunklen Hintergrund erscheint uns größer, als umgekehrt. Faktisch sind jedoch beide gleich groß.

Optische Täuschung - ueberstrahlung

Auch bei der Interpretation von Strecken und Längen unterliegen wir häufig einem Irrglauben. Vertikal ausgerichtete Formen werden von uns als größer wahrgenommen, als jene, die sich Horizontal ausrichten. Bei dieser Senkrecht-Waagrecht-Illusion sind beide Linien exakt gleich lang und vollkommen identisch. Was nach oben geht, scheint oftmals größer.

Optische Täuschung - senkrecht-waagrecht

Vielleicht ist euch auch schon einmal aufgefallen, dass etwas, was eigentlich „mittig“ sein sollte, eben nicht mittig wirkt?! Dies liegt daran, dass die geometrische (also rein faktische) Mitte nicht der, der optischen Mitte entspricht. Das unten stehende Layout einer Seite verrät, dass uns die optische Mitte mehr zusagt Sie erscheint uns korrekt und richtig. Links hängt sie gefühlt zu niedrig. Warum das so ist, haben wir eben schon erfahren. Die Länge einer vertikalen Form wird häufig größer empfunden, weshalb bei der optischen Mitte etwas korrigiert werden muss.

Optische Täuschung - geometrische-mitte

Jetzt kommt etwas für die Freunde der Typografie! Kreis und Quadrat sind häufig eingesetzte Stilmittel und Formen. Ist euch schon einmal aufgefallen, dass ein Kreis, dessen Durchmesser exakt dem eines Quadrats gleicht, einfach eine winzige Spur kleiner erscheint? Der Weight-Watcher-Kreis links unterliegt dem nebenstehenden Quadrat. Erst der rechte Kreis, dessen Durchmesser um ein paar Pixel zugelegt hat, kann es mit dem mittigen Quadrat aufnehmen, da Rundungen die Wahrnehmung enorm beeinflussen!

Optische Täuschung - kreis-quadrat-rundung

Welche Folgen das hat, zeigt dieses Beispiel: Bei der Artbeit mit Schriften muss der Typograf tricksen, um eben erwähnte Wahrnehmungseigenarten wieder auszugleichen. Hier seht ihr die Versalien „M“ und „O“ gesetzt in Arial, Schriftschnitt Bold und 290pt. Obwohl beide im Prinzip an der Linie der Oberlängenbegrenzung passend abschließen sollten (um geometrisch korrekt zu sein), überragt das „O“ minimal die Markierung. Theoretisch also unausgeglichen, optisch jedoch als harmonisch empfunden.

Optische Täuschung - das große O

Ganz konfus wird es, wenn man sich das „E“ einmal genauer ansieht, denn sind wir doch mal ehrlich: Ein „E“ wirkt auf uns stets ausgeglichen, symmatrisch und einheitlich, nicht wahr? Zückt man das Linieal muss korrigiert werden, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Die geometrische Mitte ist sichtbar weit von der optischem Mitte entfernt. Die Querstriche unterscheiden sich alle in ihrem Längenmaß, wie die zarte grüne Linie sehr gut verraten lässt. Und auch die Abstände varrieren. Von geometrischer Gleichmäßigkeit kann keine Rede sein, doch dieser optische Ausgleich ist nicht nur bedeutsam sondern auch wichtig, um eben ein harmonisches, lesefreundliches Gesamterscheinungsbild zu erzeugen.

Optische Täuschung - geometrisches-E

Im weltweiten Netz lassen sich zahlreiche weitere Beispiele finden und wie wir sehen, ist es als Designer wichtig zu erkennen, dass es schnell zu Differenzen in der subjektiven Wahrnehmung kommen kann. Menschen sehen gerne das, was sie erwarten zu sehen, oder sich sogar innigst herbeiwünschen. Selbst, wenn es dem tatsächlichen Umständen zuwiderläuft. Hier fällt mir ein Zitat ein: „Liebe ist die besondere Eigenschaft, in Menschen Dinge zu sehen, die eigentlich gar nicht da sind…“ Natürlich ist das Zitat etwas überspitzt gewählt und rosa-rote Brillen sind aktuell auch nicht im Trend, aber dennoch unterstreicht es das Defizit zwischen tatsächlich Vorhandenem und der innewohnenden Wunschvorstellung. Dies tun wir Menschen nicht, weil wir uns gerne selbst belügen, sondern weil unser Gehirn effizient sein muss und in wenigen Bruchteilen von Sekunden eine Entscheidung abverlangt wird. Es versetzt uns also erst in die Lage, mit dem heillosen Durcheinander von Empfindungen überhaupt fertigzuwerden und zurechtzukommen um nachhaltig schnell reagieren zu können.

Wir haben also gesehen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt – allen voran in der Disco. Wir haben auch gesehen, dass der Schein trügerisch sein kann und uns unsere Wahrnehmung allzuleicht einen Streich spielt. Visuelle Kommunikation bedeutet also auch dazu anzuhalten, Botschaften korrekt zu verpacken, damit sie ebenso korrekt wahrgenommen werden können.

Stefan Riedl

Stefan Riedl Grafik-Designer aus Augsburg

Designliebhaber

Stefan Riedl